Draußen donnert es. Drinnen auch. Das gewaltige Gewitter, das nachts das Licht einer ganzen Stadt ausgeschaltet hat, wütet immer noch über die Provinzstadt Mbarara in Uganda. Generatoren gegen Stromausfall. Durch die dicken Regentropfen an der Scheibe sehe ich die schummerigen Notfall-Lichter der Läden, in den Lehmhütten ist es dunkel. Wieder ein Donnern und Sekunden später ist der Himmel weiß. Durchzogen von eckigen Linien des Lichts. Es fühlt sich an, als hätte er eingeschlagen.
Blitz im Bauch. Einer, der in meinen Eingeweiden seine zackigen Runden dreht, einer, der nichts zum Entladen findet. Vorfreude, Angst vor der Busfahrt auf der Raserstrecke Richtung Hauptstadt, Neustart-Nervosität. Vielleicht spiegelt sich das Gewitter deshalb in mir und meiner Magengegend.
Ende. Aus. Vorbei
„Wir haben in elf Monaten so viel erlebt wie sonst in 20 Jahren.“ SEINE Worte dringen nur langsam zu mir durch. Reinste Raterei, Statistik-Spielereien ist meine erste Reaktion.
Aber tatsächlich hätten wir lange gebraucht, die 19 Länder in normalen drei Wochen-Jahresurlauben zu bereisen. Und wir hätten andere Reisen gemacht. Komprimierter, konzentrierter, weniger treiben lassen, mehr selber lenken.
Wir hätten Russland wohl nicht anhand seiner Couchsurfer anstatt seiner Sehenswürdigkeiten kennengelernt, in der Mongolei hätten wir Inka nicht getroffen, wenn wir nicht eine Woche auf unser Visum für China hätten warten müssen. Wir hätten uns für einen Entspannungsurlaub einmal im Jahr wohl nie die hässliche XXL-Stadt Chongching ausgesucht, und hätten nie das chinesische Studentenleben Dank Ya kennengelernt.
Hätte hätte. Dieses „was wäre wenn?“, könnte ich ewig fortsetzen. Aber klar ist: Wir haben in diesem Jahr aus dem ewigen Man-müsste-mal-Konjuktiv den Indikativ gemacht. Wir haben gelebt, anstatt davon zu reden. Wir sind gereist, anstatt davon zu träumen. Wir hatten so viele erste Male. Erstes Mal Stutenmilch, erstes Mal Schweinehirn im Hotpot (und letztes Mal), erstes Mal Südhalbkugel, erstes Mal Spanisch lernen, erstes Mal Afrika. Jetzt kommen all die letzten Male.
Fünf Reihen vor uns schreit ein Kind, es riecht nach Schweiß und Mais. Seit dem letzten Stopp, an dem die Straßenhändler die Fenster zu Verkaufsständen umfunktioniert haben, ist der Bus vollbesetzt. Neben mir ein Vieltelefonierer, der aufgeregt in sein Handy schreit, fast so als gäbe er Befehle für eine Not-OP. Ich sitze zwischen ihm und IHM und klappe meine Schultern ein. Eng und unbequem, mit dem Knie des Hintermanns, das sich durch die Rückenlehne presst. Auch wenn der Rucksack auf meinen Beinen bei jedem Hubbel auf meinen Muskelkater-Oberschenkeln hüpft und die Mitbringsel-Taschen zwischen meinen Füßen mich fest fixieren, genieße ich die Fahrt.
Die letzte Busfahrt in Uganda. Die letzte Busfahrt überhaupt auf dieser Reise. Morgen steigen wir ins Flugzeug und dann warten Familie und Freunde am Flughafen.
An all die lieben Menschen musste ich denken, als wir nach einstündiger Wanderung in den Dschungel (deshalb auch der Muskelkater) plötzlich inmitten einer Gorilla-Familie standen. Ehrfürchtig vor dem 150 Kilo-Silberrücken, den ich zunächst für einen riesigen, grauen Stein im dichten Unterholz hielt, so abwegig und unwirklich kam es mir vor, einem dieser wilden Tiere plötzlich so nah zu sein, stehe ich wie festgeklebt bis der Guide mich an der Hand nimmt.
Wir nähern uns der Familie, die gerade auf dem Waldboden eine Essenpause einlegt. Von sieben Metern Sicherheitsabstand war immer die Rede, es sind vielleicht noch drei. Ich flüstere meine Fragen, der Guide redet laut und deutlich, zwischendurch schnalzt er mit der Zunge. Er meint, das hieße: Wir kommen in Frieden. Ich bin mir da nicht so sicher.
Der Silberrücken starrt uns jedenfalls an. Hinter ihm trommelt eines der Jungtiere mit den Fäusten auf der Brust. „Ist nur Spaß“, versichert der Guide. Der Silberrücken hat sich derweil wieder der Mutter seines jüngsten Kindes zugewandt. Liebevoll durchsucht er ihre buscheligen Haare nach Läusen. Es sieht aus wie ein Kopfkraulen bei uns.
Plötzlich ist aber Schluss mit Kuscheln und der Silberrücken setzt sich in Bewegung. Auf uns zu. Aus dem Weg, alle zurück. Ich kauere zwischen stacheligen Rankpflanzen und eisigen Fahnen. Als wir Ihnen folgen und der Gruppe beim Essen zusehen, erleben wir, wie eng der Familienzusammenhalt ist.
Der Silberrücken stößt immer wieder einen Laut aus und Weibchen und Kinder antworten. „Er fragt, ob alle ok sind, sagt, dass er da ist, falls was ist“, erklärt der Guide. Als es laut kracht, starren alle den Silberrücken an. Vielmehr dahin, wo er bis eben noch in einer Baumkrone saß und Blätter von den Stielen knabberte. Kein Baum für einen Brecher wie ihn. Mitsamt dem Stamm ist er einfach zu Boden gekracht, trotzig kaut er einfach weiter.
Als diesmal keiner auf seinen „alles ok?“-Ruf antwortet, guckt er nach seiner Familie. Seine Augen ruhen auf jedem Mitglied, er scannt den Blätterwald nach seinem Nachwuchs ab, wie mein Vater uns abends mit „Abendbrot. Abtuten“ von unserer Wiese geholt hat.
Abtuten heißt es jetzt auch für die Weltreise. Sie endet wie sie angefangen hat. Überwältigend. Damals an den ersten Tagen hat uns die Gastfreundschaft der Russen umgehauen, jetzt ist es die Gastfreundschaft einer Uganderin. Lydia besitzt ein Hotel in Entebbe, der Stadt, aus der wir abfliegen. Umsonst dürfen wir in einem der wunderschönen Räumen schlafen, das Personal bedient uns als wären wir Stammgäste.
Und alles nur, weil ich im Gespräch mit Lydia erwähnt habe, dass wir Russland couchsurfend entdeckt haben. Im nächsten Frühling kommt sie mit ihren Kindern nach Hamburg, will das Musical „König der Löwen“ ansehen. Die Welt ist so klein und so gut.
Danke an alle, die das mit uns erlebt haben. Danke, fürs Mitreisen!
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