Mein Herz hämmert, mein T-Shirt klebt, ich schnappe nach Luft. Stoistisch bezwinge ich die Wand aus Wald. Aus einem Wanderweg ist ein Dschungelpfad, aus einem Dschungelpfad eine steile Matschpiste geworden, quer gewachsene Baumwurzeln dienen als Treppenstufen, Lianen als Griffe zum Festhalten. Meine ehemals weißen Turnschuhe sind komplett braun, meine Hände glibschig vom lehmigen Boden, an dem ich mich festkralle. Worauf habe ich mich da eingelassen? Bin ich komplett bekloppt?
Der Moment, an dem nichts mehr geht
Meine Hände zittern, weil mein Hirn zweifelt. Vor jeder neuen Steilwand, an der ein ins Fleisch schneidendes Stahlseil als Kletterhilfe gespannt ist, schüttele ich den Kopf.
Das ist eine Nummer zu groß für mich, diese Einsicht begleitet jeden Schritt. Das hier sind 1400 Höhenmeter himmelwärts, verdammt! Klar, Wandern am Himalaja in Nepal haben wir auch geschafft, aber da gab es Stufen, angelegte Wege, überall Verpflegung zu kaufen. Hier sind wir mitten im Dschungel. Klettern über umgefallene Bäume, verworrenes Wurzelwerk und hinter jedem Stamm, an den ich mich klammere, vermute ich eine dieser giftigen schwarz-rot gefärbten Schlangen, die unser Guide Eder, 17, im Nebensatz erwähnt hat.
Warum hab ich nicht vor einer Stunde, als es noch nicht zu spät war, diese vier Worte ausgesprochen? „Schluss. Aus. Abbruch. Zurück!“
Denn: Mir reicht’s! Ich kann nicht mehr! Ich will Huckepack.
Aber wir sitzen in der Falle, die wir uns selbst gestellt haben. Am Tag zuvor hat ER noch gesagt: „Sally, vier Stunden hoch wandern ist schon ’ne Ansage und der Weg soll mittelschwer sein.“
Die Antwort meines unerschütterlichen Grundvertrauens in uns und in das Gute: „Ach komm, wir schaffen das. Mal sehen, wie es oben ist.“ Bei der ersten Pause höre ich mich sagen: „Jetzt haben wir es schon bis hierhin geschafft!“
Rückblickend betrachtet war das gar nichts. Jedenfalls nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte. Gut, wir waren zwei Stunden durch vertrocknete Wiesen, nassen Dschungel und über ein paar Steine gehopst – ja, da konnte ich mich tatsächlich noch leichtfüßig bewegen. Aber das war alles der „via facile“, wie unser Guide Eder das nennt.
Der „leichte Weg“ liegt lange hinter uns, wir kämpfen mit jedem Schritt. Alle halbe Stunde sagt unser Guide eine neue schier unfassbare Zahl. „Solo una hora y media más.“ Allein die Vorstellung, noch eineinhalb Stunden weiterzuklettern, erschöpft mich, also klappe ich die Ohren zu. Sowieso habe ich mich irgendwie verabschiedet. Mit IHM und Eder rede ich kein Wort mehr. Bin völlig im Automodus. Ich erwische mich sogar dabei, mit mir selbst zu sprechen. „Guter Zug, Sally!“, höre ich mich sagen, als ich mich an einem Absatz, der mir bis zur Brust reicht, irgendwie mit dem Wanderstock links von unten hoch drücke und mich gleichzeitig mit meinem rechten Arm nach oben ziehe.
Ich denke an die Hummel. Forscher haben herausgefunden, dass sie physisch gar nicht fliegen kann. Die Hummel weiß das aber nicht und fliegt trotzdem.
Mein Plädoyer an mich selbst: Los komm! Das hast du dir jetzt eingebrockt. Hinsetzen und heulen bringt nichts. Niemand kann dich hier abholen – außer vielleicht ein Helikopter. Tschacka, Du schaffst das.
Mein Plädoyer fürs einfach Weitermachen funktioniert. Nach viereinhalb Stunden erreichen wir irgendwie den Gipfel des Vulkans und sehen: nichts! Nebel in allen Himmelsrichtungen. Ausgerechnet dort, wo wir „una pausa“ machen sollen, ist der Grad des Berges. Eine Schlucht links, rechts dichter Dschungel, der den steilen Abhang begrünt. Jeder Windstoß kann hier tödlich sein, der richtige Ort, um zu entspannen, denke ich fassungslos. Was mich aber wirklich bewegt ist das vermatsche Etwas in der Plastiktüte im Rucksack. Eine Banane! Selten habe ich sogar die braunen Stellen mit so viel Hingabe verputzt.
Nach etwa 20 Minuten ist der Kratersee des inaktiven Vulkans dann doch kurz zu sehen. Ob wir da noch hinwollen, das seien eineinhalb Stunden zusätzlich, fragt Eder. „No, gracias!“ Nein danke, kein Interesse! „Ich will nur den Rückweg überleben“, zische ich in SEINE Richtung. ER nickt. Wir sind uns einig. Das sehe ich in SEINEN Augen. Das ist das Härteste, was wir unseren Körpern je abverlangt haben.
Härter als der Hamburg Marathon – die 42 Kilometer waren im Vergleich zu dieser Endlos-Wanderung ein Spaziergang. Niemand, der uns anfeuert, wie es an Alster und Elbe ein Hochgefühl ist.
Und der Rückweg ist erbarmungslos. Meine Knie schmerzen, mein Po auch – nachdem ich mehrfach das Gleichgewicht verloren habe. ER auch. Meine Sohlen sind so glatt, bemerkt ER nach jedem Sturz. Wäre ich nicht so verzweifelt, ich hätte jedes Mal lachen müssen. „Ich fühle mich wie ein Schnitzel, richtig weichgeklopft.“ Zu diesem treffenden Satz von IHM habe ich am Muskelkater-Morgen danach auch ein Gefühl.
Entgegen Eders Prognose dauert unser Abstieg fast genauso lange wie der Aufstieg – vier Stunden. Als wir irgendwo in der Mitte eine Pause machen, stellt ER die Frage, dessen Antwort mein Hirn die kommenden zwei Stunden beschäftigen wird. Wie viele Kilometer es denn seien. „Acht“, antwortet Eder. ER: „Insgesamt?“ Eder: „Nein, pro Strecke.“
16 Kilometer, 1400 Höhenmeter, 9 Stunden klettern und wandern! Mit 7 Liter Wasser, vier Bananen, und einer Mandarine.
Laut wiederhole ich diese Zahlen, während ich über den steinigen Weg stolper. Diese Zahlen und die Bestellung, die ich mir ausmale, das sind meine Themen für den Rest der Wanderung. Pasta mit Pollo oder doch lieber Hühnchen und Reis?
Als wir endlich wieder auf der Dorfstraße ankommen, stehe ich einfach nur da und warte, dass ER das mit dem Geld kleinmachen in irgendeinem Bretterverschlag- Supermarkt erledigt. ER: „Alles gut? Du siehst aus wie ein Zombie! Ich kaufe Wasser, ja?“
Ich nicke nur abwesend.
Abends nach der Dusche, nach den weichgekochten Nudeln, die fantastisch waren, liege ich auf dem Bett.
Ganzkörperworkout
In meinen Beinen pulsiert es. Gerade ausstrecken ist die einzige Position, die nicht schmerzt. Vom Stuhl aufstehen? Albtraum. Mich pinkelnd über der dreckigen Schüssel im Homestay abhalten, nicht auszuhalten. Die Stufe zu unserem Zimmer bewältigen? Zähne zusammenbeißen!
Aber in meinen Beinen steckt der Triumph. Der Sieg über mich selbst. Die Ode an das: Dein Körper kann mehr, als er denkt.
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