Löwen dösen im hohen Gras, Nilpferde prusten im Wasser und Elefantenfamilien baden Flussabwärts.
Eine Safari im Ruaha Nationalpark ist wie ein Malarone-Traum. Wer schon mal die Malaria-Prophylaxe geschluckt hat, weiß wie unwirklich und skurril die Trips werden können, sobald man die Augen schließt. Da passieren die irrwitzigsten Dinge, wildeste Vorstellungen fühlen sich plötzlich ganz real an und morgens wache ich oft kopfschüttelnd auf. Wie kommt mein Hirn da bloß drauf?
Im größten Nationalpark Tansanias frage ich mich: Wie kann es so viel Reichtum auf so wenig Quadratkilometern geben?
Afrika protzt, statt zu kleckern. Vor uns auf der Straße kreuzen Schakale, Impala-Antilopen röhren und springen lässig über mannshohe Büsche, ein Gepard mustert uns mürrisch, als wir ihn im Unterholz zwei Meter entfernt von unserem Auto entdecken und leicht panisch an den elektrischen Fensterhebern ziehen.
Wir haben das 20.000 Quadratkilometer große Schutzgebiet für uns. Im eigenen Auto fahren wir einfach los. Ohne Guide, ohne Karte. Wir werden in nur 24 Stunden 100 Kilometer von 400 Straßennetz insgesamt erobern und dabei nur auf zwei andere Autos treffen. Wir sind wie im Rausch.
Unser Ruaha-Roadtrip ist wie das best of eines Tierfilms – nur besser, weil live.
Es ist, als würden sich die wilden Tiere ins Bild drängen. Als würde sich jedes die Hauptrolle im ErSieSafari-Streifen sichern wollen.
Die Augen wissen bei dieser Reizüberflutung nicht, wohin sie zuerst gucken sollen, so wie sich die Nase im Douglas-Laden nie entscheiden kann, auf welchen Geruch sie sich konzentrieren soll.
„Unglaublich. Das glaubt uns niemand. Wahnsinn! Wow!“
Wir können nicht anders, als diese Ausdrücke inflationär zu benutzen. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Wir schütteln ständig den Kopf und gucken uns ungläubig an. Wir lachen, als Nils den Geparden entdeckt, weil wir Minuten vorher noch gewitzelt haben: „So, jetzt fehlt uns auf unser Liste nur noch ein Gepard und die Büffel.“
Wir können es einfach nicht fassen, wie wenig besucht der Park ist. Weil er geografisch so Touri-unfreundlich liegt? Fast vier Stunden geht es über eine extrem schlechte Staubstraße. Viele der Lehmhäuser sind mit Kreuzen markiert. Sie sollen für eine geplante Asphalt-Straße abgerissen werden.
Oder weil Ruaha im Schatten vom Serengeti-Park steht? Weil der Reiseführer dieses Wunder so lieblos in Worte fasst? Es liest sich, als gebe es zwar viele Elefanten, einige Antilopen und Wild-Dogs, von Giraffen, Nilpferden, Krokodilen und Löwen ist aber nicht die Rede.
Die entdecke ich durch reinen Zufall. Wir haben uns für den Weg in Ufernähe entschieden, um den vielen Babyelefanten und ihren Eltern beim Baden zuzusehen. Bei offenem Fenster fotografieren und filmen wir fleißig, bis eine dicke Sandwespe reinfliegt. Mit der Hand wedele ich sie wieder aus dem Auto. Mein Blick folgt ihr übers Gras und bleibt an zwei Augen hängen. Dann entdecke ich die Mähne. „Löwen!“ stammel ich und die anderen glauben mir kein Wort. Aber da döst wirklich eine Löwin und neben ihr wacht ein junges Männchen.
Es ist unfassbar, etwa ein Kilometer von den Löwen entfernt steht ein Schild am Flußufer. Dahinter Spuren von Lagerfeuer und plattgedrücktem Gras. Das Schild lässt keinen Zweifel. Das ist Campsite one. Hier sollen wir zelten. Ja, zelten! Secured stand im Reiseführer. Aber es gibt keinen Zaun, der vor den wilden Tieren schützen könnte.
Nachts würde ein Ranger vorbeikommen und ein Feuer machen, das würde die Tiere nicht mögen, sagt uns abends ein Mann, den wir an der Theke im Social Club kennenlernen. Aha, ist klar. Apropos skurril. Apropos Malarone-Traum. Als wir abends in der Dämmerung Richtung Zeltplatz rollen und eine Schlange noch schnell unseren Weg kreuzt, landen wir im Dorf. Ja, mitten im Nationalpark gibt es ein Dorf.
Als wir aussteigen trete ich fast in Elefantenkacke. Die Dickhäuter drehen offensichtlich nachts hier ihre Runden. Gerade ist es aber noch das Revier der Ranger, die mit Bier in der Hand auf Plastikstühlen sitzen, reden oder über einem Brettspiel brüten. Kinder spielen auf dem staubigen Boden Fußball, Frauen im traditionellen Stoffen servieren Reis mit Spinatartigem Gemüse.
Nach Essen und Bier – natürlich ein „Safari“- machen wir uns auf den Weg zum Zeltplatz und treffen keinen Ranger. Weil wir zwar abenteuerlustig aber nicht lebensmüde sind, entscheiden wir, unsere Moskitonetze und Luftmatratzen einfach im Kochhaus aufzubauen. Als ich nachts von Hiänen- oder Wilddog Jaulen direkt vor der Tür aufwache, Affen laut schreien und sich die Nilpferde im Fluss verdammt nah anhören, fühlt sich meine Blase plötzlich gar nicht mehr so voll an. Ich balanciere auf der Luftmatratze, um die hell erleuchtete Graslandschaft in der Vollmond-Nacht sehen zu können. Ein Baobab wirft einen langen Schatten, Tiere kann ich nicht erkennen, aber ich weiß, dass sie da sind. Ich höre sie.
Morgens im Halbdunkel beim Zähneputzen entdecke ich sie auch wieder. Nilpferde liegen wie üppige Steine im Wasser und Affenbabys hangeln sich von Ast zu Ast. Drei ältere Artgenossen sitzen am Boden auf einem Stamm nebeneinander. Sie haben mir den Rücken zugewandt und gucken in den Sonnenaufgang über dem Fluß.
Ein Bild, das sich einbrennt. Ein Symbolbild für die erste Safari meines Lebens, die nicht die letzte sein wird. Eine Szene, die so sureal schön ist, dass ich mich auf der Fahrt aus dem Park durch die Fotos meines Handys scrolle, um mich zu vergewissern, ob sie real ist oder ob ich alles nur geträumt habe.
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